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Ich bin neu hier im Ressort und war in der Oper. Zum ersten Mal. In Carmen. Jetzt muss ich brechen. Aber nicht wegen Carmen, sondern mit einer goldenen Regel des journalistischen Handwerks. Ich muss etwas tun, das viele Redakteure empört: In der Ich-Form schreiben. Und ich muss sagen: Carmen ist der Wahnsinn.

Sie vereint in Sebastian Baumgartens Inszenierung an der Komischen Oper Voodoopriesterin, Zigeunerschickse und Amazone. Der Stoff, den die 1875 uraufgeführte Oper von Georges Bizét liefert, ist eine schaurig zeitlose Konstellation von der verzweifelten Liebe eines Mannes zu einer unberechenbaren Wahnsinnigen.

Wer in dieser Rezension Einschätzungen über gesangliche Talente oder den Taktstockschwung des Dirigenten erwartet, wird leider enttäuscht. Bevor ich mich hier verbiege, nutze ich einfach die Gunst des Moments und lenke die Wächter am Tor des Feuilletons kurz ab und bitte alle herein, die Carmen noch nicht gesehen haben.

Sebastian Baumgartens Interpretation von Carmen ist viel mehr als nur Gesang und Orchester. Sie ist ein Spektakel voller Assoziationen. Video-Rückblenden mal im Stile von Reality TV, mal wie ein Verhör. Psychedelische Projektionen, Disconebel, Flamenco und spanische Gitarren. Rotes Konfetti anstelle von Blutspritzern. Überall versteckte Botschaften und Symbole der Revolution: Hier Marx und Lenin, da Guy Fawkes. Ein klein wenig wie in deutschen Fernsehkrimis, wenn sich der Regisseur mal so richtig austoben durfte – nur besser. Und garantiert nicht das, was ich in der Oper erwartet habe.

Carmen ist fast wie ein Musical: Ein bisschen Latino Westside Story und ein bisschen Gypsy Moulin Rouge. Baumgarten setzt die Geschichte in ein endzeitliches Spanien der Gegenwart mit grauen Fassaden, auf denen eine Javier Bardem Projektion hypnotisch rotiert. Eine brennende Santander-Bankfiliale dient auf der Bühne als Tabakwarenfabrik, in der Carmen arbeitet. Soldaten lümmeln herum und qualmen Zigarren.

Don José, der folgsame Soldat, liebt Carmen. Ihr Gegenpart ist Micaela. Wenn Carmen der Teufel ist, was sie ganz bestimmt ist, dann ist Micaela der Engel: Hellblaues Kleid, blonde Locken, Heiligenschein. Sie kommt aus heiterem Himmel und überbringt Don José ein überdimensionales Telegramm von der Vernunft namens Mutter: Mach‘ keinen Blödsinn und sieh‘ zu, dass du heiratest. Und zwar Micaela. Stopp. Jaja, Mutter.

Hätte er mal auf seine Mutter gehört. Carmen ist eine Furie, die sich Messerstechereien während der Arbeit liefert. Wer wie Don José einer Frau wie Carmen verfallen ist, der macht sich angreifbar und tut unvernünftige Dinge. Das nutzt Carmen schamlos aus. „Wenn du mich liebst, dann hast du auf meiner Seite zu sein! Ach ja, und befrei mich gefälligst. Du kriegst auch was.“ So wringt sie Don José regelmäßig wie einen Lappen aus und lässt ihn dementsprechend sorglos fallen – wisch und weg. Warum auch einen Lappen behalten, wenn man eine Muleta haben kann? Carmen weiß, dass der Star-Torero Escamillo auf sie steht. Er ist wirklich sehr berühmt und lässt das auch raushängen, wenn er „Auf in den Kampf, Torero!“ schmettert. Typ Blitzlichtgewitter – was für ein Angeber!

Schon im Intro der Oper, das im Stile eines Filmvorspanns daherkommt, geht es um Torero-Ethik und den Stierkampf als Brückenschlag zwischen Liebe und Betrug, Leben und Tod. Aber auch um die verletzte Ehre eines Mannes. Das sind unverkennbar die Hauptmotive des Stücks. Carmen hat Don José immer wieder am roten Tuch vorbeilaufen lassen und schließlich mit ihrem Degen sein Herz durchbohrt. Als er begreift, dass er Carmen nicht haben kann, weil sie Escamillo liebt, ist er sich sicher: „Entweder Du bleibst bei mir oder ich bring Dich um!“ Es kommt zum tragischen Ende. „Im Augenblick des Tötens dürfen wir nicht zweifeln“ lautet eine goldene Regel des Stierkampfes.

Erschienen auf http://www.komische-oper-blog.de/studenten-als-angehende-rezensenten/

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Jeder kennt es, dieses Gefühl: Schnelle Atmung, Herzklopfen, Schwitzen, Zittern. Um es auszudrücken, brauchen wir fünf Buchstaben, eine Silbe, ein Wort: Angst. Es ist ein Wort, das jeder Durchschnittsdeutschsprecher versteht – seit dem Frühmittelalter: Laut Friedrich Kluges „Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache“ gibt es das Wort Angst seit dem 8. Jahrhundert in seiner heutigen Bedeutung. Es hat sich vom indogermanischen „anghu“ (beengend) über das althochdeutsche „angust“ entwickelt, das auch mit den lateinischen Wörtern „angustus“ beziehungsweise „angustia“ (Enge, Bedrängnis) und „angor“ (Würgen) verwandt ist.

So viele Zeilen für ein Gefühl

Angst, eine Ur-Emotion des Menschen, kommt also von Enge. Norbert Fries, Professor am Institut für deutsche Sprache und Linguistik an der Humboldt Universität zu Berlin, stellt Gefühlsbezeichnungen wie Angst, Furcht, Neid und Liebe in seiner Theorie über emotionale Bedeutungen jeweils als Szene dar: Angst sei ein dynamischer Prozess, der unangenehm ist und uns beengt, ausgelöst durch Ereignisse, die wir nicht oder nur begrenzt beeinflussen können. „Wir wollen etwas dagegen unternehmen, aber wissen nicht was, auch weil wir den Auslöser der Angst oft gar nicht kennen. Angst ist im Unterschied zu Furcht auf nichts Spezielles gerichtet. Den Auslöser der Furcht kennen wir:

Wenn wir uns vor einem Hund fürchten, denken wir, er könnte uns beißen; wenn wir vor einem Hund Angst haben, finden wir den Zustand unangenehm, in den er uns mit seiner Anwesenheit versetzt.“ So viele Zeilen für ein Gefühl! Die deutsche Sprache reduziert es auf fünf Buchstaben und bringt es auf den Punkt. Das wissen auch die Engländer zu schätzen. Über die Philosophie ist das deutsche Wort als Lehnwort in den englischen Sprachgebrauch geschwappt, etwa bei Bridget Jones, die ihre Angst vor dem Älterwerden beschreibt:

„As women glide from their twenties to thirties, Shazzer argues, the balance of power subtly shifts. Even the most outrageous minxes lose their nerve, wrestling with the first twinges of existential angst: fears of dying alone and being found three weeks later half-eaten by an Alsatian.“

Doch wie kommt es dazu, dass sich ein Wort in einer fremden Sprache verankert? Markus Egg, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Humboldt Universität zu Berlin, sagt, dass es eine bewusste Entscheidung sei, ein Wort aus einer anderen Sprache zu übernehmen. Ein Lehnwort schließe eine Benennungslücke; es sei ein Begriff für etwas, das man mit der eigenen Sprache nicht so gut benennen könne. Das Gefühl an sich sei ja dem Englischen nicht fremd. „Eigentlich brauchen sie kein weiteres Wort: anxiety, fear, anguish – alles bedeutet Angst. Das Lehnwort wurde aber aus dem Deutschen übernommen, weil es in bestimmten Situationen einfach besser passt. Im Englischen wird damit insbesondere Existenzangst und irrationale Angst beschrieben.“

Wenn man ein Wort aus einer Sprache übernimmt, transportiert das auch immer klischeehafte Vorstellungen von einem Land. Denken wir statt an die Angst zur Abwechslung mal an die Liebe: Die Italiener sagen dazu Amore – und für sie ist es das Normalste auf der Welt, sie so zu nennen. Wenn wir Deutschen amore hören oder sagen, assoziieren wir damit sofort diese „Latin-Lover-Romantik“. Genauso verkörpert das Lehnwort Angst für Engländer typische Eigenschaften der deutschen Sprache: Es hat vier Konsonanten hintereinander, klingt hart und peitschend und ist für das englische Ohr unangenehm, ja angsteinflößend. „You don’t need to speak German to know the meaning of angst“, sagt der schwedische Rapper Promoe.

Doch das Klischee schlägt zurück: In den 1980er Jahren kam im Englischen der Begriff „German Angst“ auf, um die Deutschen und ihre Angst vor Veränderung zu bezeichnen: Uns Deutschen eilt der Ruf voraus, reformscheue, selbstgrüblerische Wesen zu sein, die sich die Angst zur Weltanschauung gemacht haben.

Die Studiengangsleiterin unseres Masterstudiengangs „Kulturjournalismus“ und ehemalige „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika gab uns am ersten Studientag den Leitsatz „Don’t panic!“ mit auf den Weg. Keine Panik. Oder: Keine Angst! In unserer taz-Beilage vom 3. Februar stellen wir den Lesern verschiedene Ängste von Hypochondrie bis Paranoia vor und versuchen, sie vielleicht auch ein Stück weit zu bewältigen – wir hysterischen Deutschen … Wie heißt es bei Elias Canetti? „Es ist besser, die Angst auszusprechen, als sich weiter mit ihr zu tragen. Am besten ist es, sie aufzuschreiben, ohne sie auszusprechen.“

Erschienen in der taz. die tageszeitung im Februar 2014. Eine Sonderbeilage der KulturjournalistInnen der UdK Berlin zum Thema Angst.