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Maßregelungen und Kontrolle bestimmten den Journalistenalltag – journalistische Arbeit im ursprünglichen Sinne war in der DDR nicht möglich. Besonders nicht für den „Klassenfeind“: Peter Pragal war 1974 der erste West-Korrespondent, der freiwillig seinen Hauptwohnsitz nach Ost-Berlin verlagerte. Seine Erfahrungen beschreibt er in seinem Buch „Ihr habt es aber schön hier – Als West-Korrespondent in der DDR“, das 2011 im Piper Verlag erschienen ist.

Für die Staatsmacht der DDR war Peter Pragal ein „unverbesserlicher Anti-Kommunist“. Das maßlos übersteigerte Sicherheitsdenken des Stasi-Apparates kannte keine Tabus: Telefongespräche wurden abgehört, die Post mitgelesen, Fahrten beobachtet und protokolliert – das wachsame Auge der Stasi war überall.

„Pragal hat sich in einem Jahr einen DDR-Bekanntenkreis von 60 Personen aufgebaut“, liest er 1993 in seiner Stasi-Akte. „Der größte Teil gehört zur Intelligenz und ist prowestlich eingestellt.“

Pragal, der während seiner Zeit in der DDR für die Süddeutsche Zeitung und den Stern akkreditiert war, ist überzeugt, dass der Umgang mit West-Korrespondenten die regimekritischen DDR-Bürger mutiger gemacht hat. Henning Schaller, damals Bühnenbildner am Maxim-Gorki-Theater Berlin sagt: „Durch euch habe ich meine Anti-Haltung mit größerer Sicherheit gelebt.“

Die Korrespondenten wussten, wie „stille Diplomatie“ funktioniert und haben trotz der strikten bürokratischen Fesseln, die die Staatsmacht der DDR ihnen angelegt hat, Briefe und Manuskripte von ostdeutschen Autoren nach „drüben“ geschafft. Für Pragal war es nicht die Lust an der Provokation sondern das Selbstverständnis, den Schmerz der deutschen Trennung lindern zu können. Auch umgekehrt schmuggelte er zum Beispiel Literatur der Bundeszentrale für politische Bildung in den Osten.

Pragal war als publizistischer Gegenspieler in den Augen des Ministeriums für Staatsicherheit ein Staatsfeind. Korrespondenten wurden kriminalisiert und standen grundsätzlich unter Verdacht, Geheimdienst-Agenten zu sein: In seiner Stasi-Akte liest Pragal weiter, dass er in Interviews mit DDR-Bürgern „durch die Verabreichung von Getränken eine lockere Atmosphäre schaffe, um die Leute „abzuschöpfen“.

Auch eine Reportage, die Pragal einmal für die SZ über die BND-Zentrale in Pullach schrieb, machte die Staatssicherheit aufmerksam. Sie schickte einen Spitzel, um Informationen über „Anzeichen für geheimdienstliche Tätigkeiten des Pragal“ zu sammeln. Dem Spitzel fiel in Pragals Haus das Buch „Pullach Intern“ über die Geschichte des BND in der Bücherwand auf. Darüber hinaus wollte der Spitzel einen Trick aus der geheimdienstlichen Praxis erkannt haben:

„Das Buch befindet sich öfters an einer anderen Stelle in den Bücherregalen, während sich die anderen noch an derselben Stelle befinden“, teilte er mit. Die Menge der Besucher bei P. erschwere eine Kontrolle – er verkehre mit fast allen Hausbewohnern, darunter auch Sowjetbürger, was Tarnung sein könnte.

West-Korrespondenten waren Störenfriede. Mit ihren Berichten haben sie nachhaltig auf die politische Meinungsbildung der DDR-Bevölkerung gewirkt. Sie waren es, die Forderungen von Bürgerrechtlern und anderen Oppositionsgruppen in den West-Medien publik gemacht haben. Hätten sie nach Reformen und Freiheit gerufen, ohne dass sie  von Kameras und Mikrofonen aufgenommen worden wären?

Mit Bildern von Demonstrationen haben beispielsweise ARD und ZDF die DDR-Bürger ermutigt: Wenn die West-Sender filmten, wie Volkspolizisten friedliche Proteste mit Gewalt auflösten, haben die Korrespondenten mitgeholfen, die Diktatur bloßzustellen. Hartnäckig und mutig haben sich die West-Korrespondenten ihre Freiräume geschaffen.

Freiräume für Journalisten in der DDR – heute kaum vorstellbar. Dort war der Journalist als Agitator und Propagandist Werkzeug der SED – Linientreue vor Wahrheitsliebe war das auferlegte Credo: Die SED-Republik sollte so beschrieben werden, wie sie im Idealbild der Propaganda auszusehen hatte.

 

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“If the news is that important, it will find me.”

Zitat eines Studenten in der New York Times im Jahr 2008

Die Nachricht war wichtig für mich und sie hat mich gefunden: Über Facebook habe ich vom zweitägigen Medienseminar „Wer bezahlt den Journalismus von morgen?“ der Bundeszentrale für politische Bildung erfahren. Eine Zusammenfassung meiner Notizen

Die Verlage und das Internet – das ist wie die uralte Geschichte von den alten Leuten, die über die jungen Leute schimpfen: Was ist nur aus euch geworden? In dieser „sich verändernden Medienwelt“ fragen sich die alten Verlage, die drinnen sitzen und nur zum Zeitung austragen aus dem Haus gehen, was dieses Internet bloß die ganze Zeit draußen treibt. Beziehungsweise wie es verdammt nochmal ohne Geld in der Hosentasche auf dem harten Pflaster da draußen überleben will. Und das Internet so zu den Verlagen: Wie rechtfertigt ihr denn eure gedruckte Zeitung noch? Wird die nicht von alten Lesern für alte Leser produziert? Ich habe doch nichts mit der Zeitungskrise zu tun! Der Unterschied einer Zeitung von 1973 zu 2013 sind doch nur bunte Bilder, Alter!

Irgendwie muss guter Journalismus, wenn eine Demokratie sich ihn leisten möchte (und das möchte sie gefälligst!), auch in Zukunft bezahlt werden. Eine Gesellschaft, die Medien als vierte Gewalt ansieht, braucht exzellente Journalisten. Werden die alten Verlage noch lukrative Geschäftsmodelle im Netz entdecken oder setzen sich Crowdfunding-Modelle (zum Beispiel: http://www.krautreporter.de) oder stiftungsfinanzierter Journalismus durch? Tageszeitungen nur noch als Wochenzeitungen verkaufen und Tagesberichterstattung ins Internet verlagern? Wie sollen Reisekosten für Vor-Ort-Berichterstattung im Ausland finanzierbar bleiben?

Wir befinden uns in einer Transformationsphase, in der ein altes Modell nicht mehr und ein neues Modell noch nicht funktioniert. Und das ist für junge Journalisten sicher keine angenehme Situation. Ihren Traumberuf haben sie mit Passion und Idealismus gewählt: neutral, objektiv, Wichtiges von Unwichtigem trennen und niemandem in den Arsch kriechen. Nun stehen ihnen schlechte Verdienstmöglichkeiten und das „Zeitungssterben“ (das hört sich immer so nach Dinos fliehen vorm Asteroidenschauer an) gegenüber. Flexibilität und maximale Leistungsbereitschaft werden erwartet und das bei unverhältnismäßiger Bezahlung: weniger Geld bedeutet weniger Stellen, weniger Themen, weniger Recherche, weniger Qualität, weniger Leser. Die Zeitungen verknittern langsam und im Internet gibt’s kaum was zu verdienen. Junge Journalisten sind sozusagen am Arsch, in den sie nie kriechen wollten.