Dialektpflicht für Zugezogene


Ein S-Bahnhof in einem Randbezirk in Berlin. Die Nase läuft. „Taschentücha sind ausvakooft, wa?“, schnauzt die Bahnsteigbäckersfrau auf die Frage nach einer Serviette über den Tresen. Dann reicht sie dem Schniefenden ein Schnäuztuch. Dit war keene Lügenjeschichte, sondan würklichkeitsjetreu jeschildat.

Berlinerisch, das ist nicht nur ein Dialekt, es spiegelt die Mentalität der Berliner wider: Draufgängerisch, direkt und trotzdem herzlich. Für die vielen Zugezogenen mag dieser Sprachcharakter erst mal etwas grob klingen. Von Theodor Fontane ist überliefert, wer ein wahrer Berliner werden wolle, müsse lernen, einen Fremden auf der Straße anzurempeln und dabei sagen „Pass besser uff, Mann!“

Doch welcher Schwabe, Westfale, Rheinländer macht das schon? Einen Dialekt zu imitieren gilt gemeinhin als peinlich, Berlinerisch als unfein und proletarisch. Und je mehr Leute nach Berlin in die Szenekieze ziehen, desto mehr schwindet auch das Berlinerische. Das hat auch schon der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erkannt: „Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken.“ In Berlin sage man Schrippen – „daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“.

Der Berliner Dialekt ist im Wortsinne nur noch eine Randerscheinung: In Spandau, Tegel und Pankow berlinern die Leute mit dem Rücken zur Stadtgrenze gegen das Aussterben ihres Dialekts an. Wenn Berlin ein CSU-Land wäre, gäbe es sicher schon längst eine Dialektpflicht für Zugezogene.

In Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte liegen drei der Top-Zugezogenenkieze, hier wohnen nur noch etwa 20 Prozent gebürtige Berliner. Ausgerechnet in diesen beiden Bezirken soll das Berlinerische laut Sprachforschern seinen Ursprung haben. Was für ein Hohn.

Andererseits war Berlin schon immer Zentrum von Handel, Verkehr und Zuwanderung. So flossen in den Berliner Dialekt märkisches Platt, Hochdeutsch, Sächsisch, Jiddisch (etwas „aus Daffke“ tun), Niederländisch und Französisch (blümerant, Bredullje, Bulette) ein. Strenggenommen handelt es sich daher um einen sogenannten Metrolekt. Kann das Berlinerische also gar nicht aussterben? Erhält es sich selbst, da es sich seither aus anderen Dialekten und Sprachen zusammensetzt?

Glaubt man der aktuellen Forsa-Studie „Der Berliner Dialekt in der Einschätzung der Bürger der Stadt“, die die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Auftrag gegeben hat, liegt berlinern sogar „im Trend“. Wolfgang Thierse hört das sicher gerne und schlägt den Schwaben ein „Schrippchen“.

Etwa zwei Drittel der Berliner sprechen laut Umfrage immer noch ihren Dialekt. Die Alt-Ost-Berliner sogar fast zu 80 Prozent. Doch auch wenn der demographische Wandel dagegenhält, müssen auch die bald den Löffel abgeben.

Vor allem die Jüngeren (45 Prozent) und die Zugezogenen (42 Prozent) glauben, dass das Berlinerische langsam aus der Mode kommt. Denn der Dialekt hat ein kleines Imageproblem. Berlinerisch wird zwar als „schlagfertig“ und „ehrlich“ empfunden, „intelligent“ landet aber nur auf Platz zehn der Sprachcharakter-Liste.

Vielleicht hört man irgendwann nur noch Dialektkonserven aus den Lautsprechern der S-Bahn: „Zurückblei’m bütte!“, „Einsteigen, bütte.“ – während der Bahnsteigsbäcker Wecken verkauft. Es wäre zum Heulen. „Taschentücha sind ausvakooft, wa?“ – Lang lebe das Berlinern!

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