Von Aal bis Zittern


Annette Pehnts Lexikon der Angst: Eine Kurzgeschichtensammlung.

 

Am Anfang steht der Aal. Die Assoziation zum Lexikon ist sofort da, nachdem die tiefschwarzen Umschlagseiten und das Louise Bourgeois-Zitat „Meine Arbeiten sind eine Serie von Exorzismen“ umgeblättert sind. Vom Stil her ist es jedoch ganz und gar kein Lexikon – und auch gar nicht so düster. Es sind 47 Geschichten von ihm und ihr, die mit diesen und jenen Leuten zu tun haben, mitten aus dem Leben gegriffen. Schablonenhafte Szenen, die sich über unseren Alltag legen lassen.

Ängste sind Teil von uns und Hinderungsgrund für unser Handeln. Sie verfolgen uns und stellen uns bloß – doch woher kommen sie, wohin gehen sie, was machen sie mit uns?

Die Autorin ergründet verschiedene Ängste auf eine lebendige und charmante Art und Weise: Eigene Ticks und Zwänge der anderen erkennt man im Lexikon der Angst schnell wieder. Manche Geschichten lassen den Leser schmunzeln, manche regen zum Nachdenken an. Seine Angst, das mühsam Ersparte an die erbgierigen Kinder zu verlieren, ihre Angst vorm Autoschweigen. Manche Episoden wiederum sind grotesk, so wie Freigang:

Ihr neues Kaninchen „ist jung und wendig, hat eine fröhlich zuckende Nase und frisst, was sie ihm gibt, mit blanken, weit aufgerissenen Augen.“ Ihr Mann ist gegen das Kaninchen: „Er fürchtet, auf den kleinen weißen Körper zu treten, der ihm zwischen den Füßen durchschießt, wenn er die Tür zu dem Zimmer öffnet, das eigentlich ihr Arbeitszimmer war.“ Er poltert, man müsse solche Tiere sowieso draußen halten. Daraufhin geht sie mit dem Kaninchen auf dem Arm nach draußen, „wie eine Hirtin schreitet sie langsam durch die Einkaufszone.“ Im Stadtpark lässt sie es laufen und als sie es wieder einfangen will und „mit wachsender Wut zwischen den Kastanienbäumen hin und her springt“, stolpert sie und als sie „den weichen Körper unter ihren Füßen spürt, weiß sie schon, dass etwas in ihm zerbrochen ist und dass sie nun keine Angst mehr haben muss.“

Die alphabetisch geordneten Themen lassen häufig nicht direkt auf die Geschichte schließen, die dahinter steckt. Die Geschichte Morgenrot handelt nicht etwa von Angst vor Morgenröte sondern vom neurotischen Schattenausweicher. Die taffe Fünfjährige, die schon alles zu wissen glaubt, hat vor Nichts Angst. Außer davor, nicht mehr fünf zu sein.

Das Lexikon der Angst lässt sich von hinten nach vorne lesen, in der Mitte anfangen, in ein paar Stunden durchlesen oder in ein paar Wochen. Es ist ein Buch zum Zurücklehnen, für Sonntage auf dem Sofa oder für ein paar U-Bahn-Stationen. Auch wenn man es mal weglegt kann man es jederzeit wieder in die Hand nehmen, ohne den Faden zu verlieren. Annette Pehnt schafft es mit ihrer Detailverliebtheit jeweils kleine Kinofilme im Kopf abzuspielen. Jede einzelne Episode im Buch ist szenisch – man ist sofort mitten im Geschehen.

Dass Annette Pehnt ihr Buch „Lexikon der Angst“  genannt hat, ist ein Kunstgriff, steht ein Lexikon doch sinnbildlich dafür, dass man auf etwas Handfestes zurückgreifen kann, wenn man sich einer Sache nicht sicher ist. Und mit Ängsten kann man sich nie sicher sein – am Ende steht das Zittern: Eine Aufzählung von 30 Ängsten, die im Lexikon der Angst unberührt bleiben: „Das eigene Kind nicht lieben. Sich beim Verwelken zusehen. Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen…“ Stoff für eine Fortsetzung!

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