Das 100° Berlin Festival hat vom 26. Februar bis 1. März 2015 zum letzten Mal stattgefunden. Zwölf Jahre lang spiegelte das Festival im HAU Hebbel am Ufer, in den Sophiensælen, zwischenzeitlich im Theaterdiscounter und zuletzt auch im Ballhaus Ost die Bandbreite der frei arbeitenden Theater- und PerformancekünstlerInnen dieser Stadt wider.

Einige Höreindrücke aus allen drei Häusern gibt es hier:

Ein S-Bahnhof in einem Randbezirk in Berlin. Die Nase läuft. „Taschentücha sind ausvakooft, wa?“, schnauzt die Bahnsteigbäckersfrau auf die Frage nach einer Serviette über den Tresen. Dann reicht sie dem Schniefenden ein Schnäuztuch. Dit war keene Lügenjeschichte, sondan würklichkeitsjetreu jeschildat.

Berlinerisch, das ist nicht nur ein Dialekt, es spiegelt die Mentalität der Berliner wider: Draufgängerisch, direkt und trotzdem herzlich. Für die vielen Zugezogenen mag dieser Sprachcharakter erst mal etwas grob klingen. Von Theodor Fontane ist überliefert, wer ein wahrer Berliner werden wolle, müsse lernen, einen Fremden auf der Straße anzurempeln und dabei sagen „Pass besser uff, Mann!“

Doch welcher Schwabe, Westfale, Rheinländer macht das schon? Einen Dialekt zu imitieren gilt gemeinhin als peinlich, Berlinerisch als unfein und proletarisch. Und je mehr Leute nach Berlin in die Szenekieze ziehen, desto mehr schwindet auch das Berlinerische. Das hat auch schon der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erkannt: „Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken.“ In Berlin sage man Schrippen – „daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“.

Der Berliner Dialekt ist im Wortsinne nur noch eine Randerscheinung: In Spandau, Tegel und Pankow berlinern die Leute mit dem Rücken zur Stadtgrenze gegen das Aussterben ihres Dialekts an. Wenn Berlin ein CSU-Land wäre, gäbe es sicher schon längst eine Dialektpflicht für Zugezogene.

In Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte liegen drei der Top-Zugezogenenkieze, hier wohnen nur noch etwa 20 Prozent gebürtige Berliner. Ausgerechnet in diesen beiden Bezirken soll das Berlinerische laut Sprachforschern seinen Ursprung haben. Was für ein Hohn.

Andererseits war Berlin schon immer Zentrum von Handel, Verkehr und Zuwanderung. So flossen in den Berliner Dialekt märkisches Platt, Hochdeutsch, Sächsisch, Jiddisch (etwas „aus Daffke“ tun), Niederländisch und Französisch (blümerant, Bredullje, Bulette) ein. Strenggenommen handelt es sich daher um einen sogenannten Metrolekt. Kann das Berlinerische also gar nicht aussterben? Erhält es sich selbst, da es sich seither aus anderen Dialekten und Sprachen zusammensetzt?

Glaubt man der aktuellen Forsa-Studie „Der Berliner Dialekt in der Einschätzung der Bürger der Stadt“, die die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Auftrag gegeben hat, liegt berlinern sogar „im Trend“. Wolfgang Thierse hört das sicher gerne und schlägt den Schwaben ein „Schrippchen“.

Etwa zwei Drittel der Berliner sprechen laut Umfrage immer noch ihren Dialekt. Die Alt-Ost-Berliner sogar fast zu 80 Prozent. Doch auch wenn der demographische Wandel dagegenhält, müssen auch die bald den Löffel abgeben.

Vor allem die Jüngeren (45 Prozent) und die Zugezogenen (42 Prozent) glauben, dass das Berlinerische langsam aus der Mode kommt. Denn der Dialekt hat ein kleines Imageproblem. Berlinerisch wird zwar als „schlagfertig“ und „ehrlich“ empfunden, „intelligent“ landet aber nur auf Platz zehn der Sprachcharakter-Liste.

Vielleicht hört man irgendwann nur noch Dialektkonserven aus den Lautsprechern der S-Bahn: „Zurückblei’m bütte!“, „Einsteigen, bütte.“ – während der Bahnsteigsbäcker Wecken verkauft. Es wäre zum Heulen. „Taschentücha sind ausvakooft, wa?“ – Lang lebe das Berlinern!

Ich bin neu hier im Ressort und war in der Oper. Zum ersten Mal. In Carmen. Jetzt muss ich brechen. Aber nicht wegen Carmen, sondern mit einer goldenen Regel des journalistischen Handwerks. Ich muss etwas tun, das viele Redakteure empört: In der Ich-Form schreiben. Und ich muss sagen: Carmen ist der Wahnsinn.

Sie vereint in Sebastian Baumgartens Inszenierung an der Komischen Oper Voodoopriesterin, Zigeunerschickse und Amazone. Der Stoff, den die 1875 uraufgeführte Oper von Georges Bizét liefert, ist eine schaurig zeitlose Konstellation von der verzweifelten Liebe eines Mannes zu einer unberechenbaren Wahnsinnigen.

Wer in dieser Rezension Einschätzungen über gesangliche Talente oder den Taktstockschwung des Dirigenten erwartet, wird leider enttäuscht. Bevor ich mich hier verbiege, nutze ich einfach die Gunst des Moments und lenke die Wächter am Tor des Feuilletons kurz ab und bitte alle herein, die Carmen noch nicht gesehen haben.

Sebastian Baumgartens Interpretation von Carmen ist viel mehr als nur Gesang und Orchester. Sie ist ein Spektakel voller Assoziationen. Video-Rückblenden mal im Stile von Reality TV, mal wie ein Verhör. Psychedelische Projektionen, Disconebel, Flamenco und spanische Gitarren. Rotes Konfetti anstelle von Blutspritzern. Überall versteckte Botschaften und Symbole der Revolution: Hier Marx und Lenin, da Guy Fawkes. Ein klein wenig wie in deutschen Fernsehkrimis, wenn sich der Regisseur mal so richtig austoben durfte – nur besser. Und garantiert nicht das, was ich in der Oper erwartet habe.

Carmen ist fast wie ein Musical: Ein bisschen Latino Westside Story und ein bisschen Gypsy Moulin Rouge. Baumgarten setzt die Geschichte in ein endzeitliches Spanien der Gegenwart mit grauen Fassaden, auf denen eine Javier Bardem Projektion hypnotisch rotiert. Eine brennende Santander-Bankfiliale dient auf der Bühne als Tabakwarenfabrik, in der Carmen arbeitet. Soldaten lümmeln herum und qualmen Zigarren.

Don José, der folgsame Soldat, liebt Carmen. Ihr Gegenpart ist Micaela. Wenn Carmen der Teufel ist, was sie ganz bestimmt ist, dann ist Micaela der Engel: Hellblaues Kleid, blonde Locken, Heiligenschein. Sie kommt aus heiterem Himmel und überbringt Don José ein überdimensionales Telegramm von der Vernunft namens Mutter: Mach‘ keinen Blödsinn und sieh‘ zu, dass du heiratest. Und zwar Micaela. Stopp. Jaja, Mutter.

Hätte er mal auf seine Mutter gehört. Carmen ist eine Furie, die sich Messerstechereien während der Arbeit liefert. Wer wie Don José einer Frau wie Carmen verfallen ist, der macht sich angreifbar und tut unvernünftige Dinge. Das nutzt Carmen schamlos aus. „Wenn du mich liebst, dann hast du auf meiner Seite zu sein! Ach ja, und befrei mich gefälligst. Du kriegst auch was.“ So wringt sie Don José regelmäßig wie einen Lappen aus und lässt ihn dementsprechend sorglos fallen – wisch und weg. Warum auch einen Lappen behalten, wenn man eine Muleta haben kann? Carmen weiß, dass der Star-Torero Escamillo auf sie steht. Er ist wirklich sehr berühmt und lässt das auch raushängen, wenn er „Auf in den Kampf, Torero!“ schmettert. Typ Blitzlichtgewitter – was für ein Angeber!

Schon im Intro der Oper, das im Stile eines Filmvorspanns daherkommt, geht es um Torero-Ethik und den Stierkampf als Brückenschlag zwischen Liebe und Betrug, Leben und Tod. Aber auch um die verletzte Ehre eines Mannes. Das sind unverkennbar die Hauptmotive des Stücks. Carmen hat Don José immer wieder am roten Tuch vorbeilaufen lassen und schließlich mit ihrem Degen sein Herz durchbohrt. Als er begreift, dass er Carmen nicht haben kann, weil sie Escamillo liebt, ist er sich sicher: „Entweder Du bleibst bei mir oder ich bring Dich um!“ Es kommt zum tragischen Ende. „Im Augenblick des Tötens dürfen wir nicht zweifeln“ lautet eine goldene Regel des Stierkampfes.

Erschienen auf http://www.komische-oper-blog.de/studenten-als-angehende-rezensenten/

Maßregelungen und Kontrolle bestimmten den Journalistenalltag – journalistische Arbeit im ursprünglichen Sinne war in der DDR nicht möglich. Besonders nicht für den „Klassenfeind“: Peter Pragal war 1974 der erste West-Korrespondent, der freiwillig seinen Hauptwohnsitz nach Ost-Berlin verlagerte. Seine Erfahrungen beschreibt er in seinem Buch „Ihr habt es aber schön hier – Als West-Korrespondent in der DDR“, das 2011 im Piper Verlag erschienen ist.

Für die Staatsmacht der DDR war Peter Pragal ein „unverbesserlicher Anti-Kommunist“. Das maßlos übersteigerte Sicherheitsdenken des Stasi-Apparates kannte keine Tabus: Telefongespräche wurden abgehört, die Post mitgelesen, Fahrten beobachtet und protokolliert – das wachsame Auge der Stasi war überall.

„Pragal hat sich in einem Jahr einen DDR-Bekanntenkreis von 60 Personen aufgebaut“, liest er 1993 in seiner Stasi-Akte. „Der größte Teil gehört zur Intelligenz und ist prowestlich eingestellt.“

Pragal, der während seiner Zeit in der DDR für die Süddeutsche Zeitung und den Stern akkreditiert war, ist überzeugt, dass der Umgang mit West-Korrespondenten die regimekritischen DDR-Bürger mutiger gemacht hat. Henning Schaller, damals Bühnenbildner am Maxim-Gorki-Theater Berlin sagt: „Durch euch habe ich meine Anti-Haltung mit größerer Sicherheit gelebt.“

Die Korrespondenten wussten, wie „stille Diplomatie“ funktioniert und haben trotz der strikten bürokratischen Fesseln, die die Staatsmacht der DDR ihnen angelegt hat, Briefe und Manuskripte von ostdeutschen Autoren nach „drüben“ geschafft. Für Pragal war es nicht die Lust an der Provokation sondern das Selbstverständnis, den Schmerz der deutschen Trennung lindern zu können. Auch umgekehrt schmuggelte er zum Beispiel Literatur der Bundeszentrale für politische Bildung in den Osten.

Pragal war als publizistischer Gegenspieler in den Augen des Ministeriums für Staatsicherheit ein Staatsfeind. Korrespondenten wurden kriminalisiert und standen grundsätzlich unter Verdacht, Geheimdienst-Agenten zu sein: In seiner Stasi-Akte liest Pragal weiter, dass er in Interviews mit DDR-Bürgern „durch die Verabreichung von Getränken eine lockere Atmosphäre schaffe, um die Leute „abzuschöpfen“.

Auch eine Reportage, die Pragal einmal für die SZ über die BND-Zentrale in Pullach schrieb, machte die Staatssicherheit aufmerksam. Sie schickte einen Spitzel, um Informationen über „Anzeichen für geheimdienstliche Tätigkeiten des Pragal“ zu sammeln. Dem Spitzel fiel in Pragals Haus das Buch „Pullach Intern“ über die Geschichte des BND in der Bücherwand auf. Darüber hinaus wollte der Spitzel einen Trick aus der geheimdienstlichen Praxis erkannt haben:

„Das Buch befindet sich öfters an einer anderen Stelle in den Bücherregalen, während sich die anderen noch an derselben Stelle befinden“, teilte er mit. Die Menge der Besucher bei P. erschwere eine Kontrolle – er verkehre mit fast allen Hausbewohnern, darunter auch Sowjetbürger, was Tarnung sein könnte.

West-Korrespondenten waren Störenfriede. Mit ihren Berichten haben sie nachhaltig auf die politische Meinungsbildung der DDR-Bevölkerung gewirkt. Sie waren es, die Forderungen von Bürgerrechtlern und anderen Oppositionsgruppen in den West-Medien publik gemacht haben. Hätten sie nach Reformen und Freiheit gerufen, ohne dass sie  von Kameras und Mikrofonen aufgenommen worden wären?

Mit Bildern von Demonstrationen haben beispielsweise ARD und ZDF die DDR-Bürger ermutigt: Wenn die West-Sender filmten, wie Volkspolizisten friedliche Proteste mit Gewalt auflösten, haben die Korrespondenten mitgeholfen, die Diktatur bloßzustellen. Hartnäckig und mutig haben sich die West-Korrespondenten ihre Freiräume geschaffen.

Freiräume für Journalisten in der DDR – heute kaum vorstellbar. Dort war der Journalist als Agitator und Propagandist Werkzeug der SED – Linientreue vor Wahrheitsliebe war das auferlegte Credo: Die SED-Republik sollte so beschrieben werden, wie sie im Idealbild der Propaganda auszusehen hatte.

 

Jeder kennt es, dieses Gefühl: Schnelle Atmung, Herzklopfen, Schwitzen, Zittern. Um es auszudrücken, brauchen wir fünf Buchstaben, eine Silbe, ein Wort: Angst. Es ist ein Wort, das jeder Durchschnittsdeutschsprecher versteht – seit dem Frühmittelalter: Laut Friedrich Kluges „Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache“ gibt es das Wort Angst seit dem 8. Jahrhundert in seiner heutigen Bedeutung. Es hat sich vom indogermanischen „anghu“ (beengend) über das althochdeutsche „angust“ entwickelt, das auch mit den lateinischen Wörtern „angustus“ beziehungsweise „angustia“ (Enge, Bedrängnis) und „angor“ (Würgen) verwandt ist.

So viele Zeilen für ein Gefühl

Angst, eine Ur-Emotion des Menschen, kommt also von Enge. Norbert Fries, Professor am Institut für deutsche Sprache und Linguistik an der Humboldt Universität zu Berlin, stellt Gefühlsbezeichnungen wie Angst, Furcht, Neid und Liebe in seiner Theorie über emotionale Bedeutungen jeweils als Szene dar: Angst sei ein dynamischer Prozess, der unangenehm ist und uns beengt, ausgelöst durch Ereignisse, die wir nicht oder nur begrenzt beeinflussen können. „Wir wollen etwas dagegen unternehmen, aber wissen nicht was, auch weil wir den Auslöser der Angst oft gar nicht kennen. Angst ist im Unterschied zu Furcht auf nichts Spezielles gerichtet. Den Auslöser der Furcht kennen wir:

Wenn wir uns vor einem Hund fürchten, denken wir, er könnte uns beißen; wenn wir vor einem Hund Angst haben, finden wir den Zustand unangenehm, in den er uns mit seiner Anwesenheit versetzt.“ So viele Zeilen für ein Gefühl! Die deutsche Sprache reduziert es auf fünf Buchstaben und bringt es auf den Punkt. Das wissen auch die Engländer zu schätzen. Über die Philosophie ist das deutsche Wort als Lehnwort in den englischen Sprachgebrauch geschwappt, etwa bei Bridget Jones, die ihre Angst vor dem Älterwerden beschreibt:

„As women glide from their twenties to thirties, Shazzer argues, the balance of power subtly shifts. Even the most outrageous minxes lose their nerve, wrestling with the first twinges of existential angst: fears of dying alone and being found three weeks later half-eaten by an Alsatian.“

Doch wie kommt es dazu, dass sich ein Wort in einer fremden Sprache verankert? Markus Egg, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Humboldt Universität zu Berlin, sagt, dass es eine bewusste Entscheidung sei, ein Wort aus einer anderen Sprache zu übernehmen. Ein Lehnwort schließe eine Benennungslücke; es sei ein Begriff für etwas, das man mit der eigenen Sprache nicht so gut benennen könne. Das Gefühl an sich sei ja dem Englischen nicht fremd. „Eigentlich brauchen sie kein weiteres Wort: anxiety, fear, anguish – alles bedeutet Angst. Das Lehnwort wurde aber aus dem Deutschen übernommen, weil es in bestimmten Situationen einfach besser passt. Im Englischen wird damit insbesondere Existenzangst und irrationale Angst beschrieben.“

Wenn man ein Wort aus einer Sprache übernimmt, transportiert das auch immer klischeehafte Vorstellungen von einem Land. Denken wir statt an die Angst zur Abwechslung mal an die Liebe: Die Italiener sagen dazu Amore – und für sie ist es das Normalste auf der Welt, sie so zu nennen. Wenn wir Deutschen amore hören oder sagen, assoziieren wir damit sofort diese „Latin-Lover-Romantik“. Genauso verkörpert das Lehnwort Angst für Engländer typische Eigenschaften der deutschen Sprache: Es hat vier Konsonanten hintereinander, klingt hart und peitschend und ist für das englische Ohr unangenehm, ja angsteinflößend. „You don’t need to speak German to know the meaning of angst“, sagt der schwedische Rapper Promoe.

Doch das Klischee schlägt zurück: In den 1980er Jahren kam im Englischen der Begriff „German Angst“ auf, um die Deutschen und ihre Angst vor Veränderung zu bezeichnen: Uns Deutschen eilt der Ruf voraus, reformscheue, selbstgrüblerische Wesen zu sein, die sich die Angst zur Weltanschauung gemacht haben.

Die Studiengangsleiterin unseres Masterstudiengangs „Kulturjournalismus“ und ehemalige „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika gab uns am ersten Studientag den Leitsatz „Don’t panic!“ mit auf den Weg. Keine Panik. Oder: Keine Angst! In unserer taz-Beilage vom 3. Februar stellen wir den Lesern verschiedene Ängste von Hypochondrie bis Paranoia vor und versuchen, sie vielleicht auch ein Stück weit zu bewältigen – wir hysterischen Deutschen … Wie heißt es bei Elias Canetti? „Es ist besser, die Angst auszusprechen, als sich weiter mit ihr zu tragen. Am besten ist es, sie aufzuschreiben, ohne sie auszusprechen.“

Erschienen in der taz. die tageszeitung im Februar 2014. Eine Sonderbeilage der KulturjournalistInnen der UdK Berlin zum Thema Angst.

Annette Pehnts Lexikon der Angst: Eine Kurzgeschichtensammlung.

 

Am Anfang steht der Aal. Die Assoziation zum Lexikon ist sofort da, nachdem die tiefschwarzen Umschlagseiten und das Louise Bourgeois-Zitat „Meine Arbeiten sind eine Serie von Exorzismen“ umgeblättert sind. Vom Stil her ist es jedoch ganz und gar kein Lexikon – und auch gar nicht so düster. Es sind 47 Geschichten von ihm und ihr, die mit diesen und jenen Leuten zu tun haben, mitten aus dem Leben gegriffen. Schablonenhafte Szenen, die sich über unseren Alltag legen lassen.

Ängste sind Teil von uns und Hinderungsgrund für unser Handeln. Sie verfolgen uns und stellen uns bloß – doch woher kommen sie, wohin gehen sie, was machen sie mit uns?

Die Autorin ergründet verschiedene Ängste auf eine lebendige und charmante Art und Weise: Eigene Ticks und Zwänge der anderen erkennt man im Lexikon der Angst schnell wieder. Manche Geschichten lassen den Leser schmunzeln, manche regen zum Nachdenken an. Seine Angst, das mühsam Ersparte an die erbgierigen Kinder zu verlieren, ihre Angst vorm Autoschweigen. Manche Episoden wiederum sind grotesk, so wie Freigang:

Ihr neues Kaninchen „ist jung und wendig, hat eine fröhlich zuckende Nase und frisst, was sie ihm gibt, mit blanken, weit aufgerissenen Augen.“ Ihr Mann ist gegen das Kaninchen: „Er fürchtet, auf den kleinen weißen Körper zu treten, der ihm zwischen den Füßen durchschießt, wenn er die Tür zu dem Zimmer öffnet, das eigentlich ihr Arbeitszimmer war.“ Er poltert, man müsse solche Tiere sowieso draußen halten. Daraufhin geht sie mit dem Kaninchen auf dem Arm nach draußen, „wie eine Hirtin schreitet sie langsam durch die Einkaufszone.“ Im Stadtpark lässt sie es laufen und als sie es wieder einfangen will und „mit wachsender Wut zwischen den Kastanienbäumen hin und her springt“, stolpert sie und als sie „den weichen Körper unter ihren Füßen spürt, weiß sie schon, dass etwas in ihm zerbrochen ist und dass sie nun keine Angst mehr haben muss.“

Die alphabetisch geordneten Themen lassen häufig nicht direkt auf die Geschichte schließen, die dahinter steckt. Die Geschichte Morgenrot handelt nicht etwa von Angst vor Morgenröte sondern vom neurotischen Schattenausweicher. Die taffe Fünfjährige, die schon alles zu wissen glaubt, hat vor Nichts Angst. Außer davor, nicht mehr fünf zu sein.

Das Lexikon der Angst lässt sich von hinten nach vorne lesen, in der Mitte anfangen, in ein paar Stunden durchlesen oder in ein paar Wochen. Es ist ein Buch zum Zurücklehnen, für Sonntage auf dem Sofa oder für ein paar U-Bahn-Stationen. Auch wenn man es mal weglegt kann man es jederzeit wieder in die Hand nehmen, ohne den Faden zu verlieren. Annette Pehnt schafft es mit ihrer Detailverliebtheit jeweils kleine Kinofilme im Kopf abzuspielen. Jede einzelne Episode im Buch ist szenisch – man ist sofort mitten im Geschehen.

Dass Annette Pehnt ihr Buch „Lexikon der Angst“  genannt hat, ist ein Kunstgriff, steht ein Lexikon doch sinnbildlich dafür, dass man auf etwas Handfestes zurückgreifen kann, wenn man sich einer Sache nicht sicher ist. Und mit Ängsten kann man sich nie sicher sein – am Ende steht das Zittern: Eine Aufzählung von 30 Ängsten, die im Lexikon der Angst unberührt bleiben: „Das eigene Kind nicht lieben. Sich beim Verwelken zusehen. Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen…“ Stoff für eine Fortsetzung!